Sommergespräche Kleine Zeitung-Martina Schmerlaib



Edgar Unterkirchner: "Noten sind nur ein Mittel zum Zweck"

09.08.2015 | 06:03 | Martina Schmerlaib (Kleine Zeitung)

Edgar Unterkirchner spricht über seine internationalen Erfolge, über Inspiration, bescheidene Töne und über seine Filmmusik zu „Zeichnen gegen das Vergessen“.

Goldmedaille in New York für die Filmmusik zu Manfred Bockelmanns „Zeichnen gegen das Vergessen“, Preis für die beste Filmmusik beim „Fimucinema“ in Teneriffa . . . das sind tolle Erfolge. Wie feiert das ein Musiker?

EDGAR UNTERKIRCHNER: Gute Frage, ich habe in meinem Leben bisher eigentlich zu wenig gefeiert. Das sollte ich nachholen. Danke fĂĽr die Erinnerung (lacht). Das Feiern kommt ohnehin immer zu kurz, man neigt dazu, alles klein zu halten. Aber wenn ich dann wieder denke, dass ich gemeinsam mit Fox, BBC oder Disney nominiert war und gewonnen hab, dann darf man das glaube ich feiern. Ich werde mit Familie und Freunden drauf anstoĂźen.

Man könnte sagen, Ihr Leben spielt im Moment nur Dur . . .

UNTERKIRCHNER: Sagen wir so, es ist eine langsam aber stetig aufsteigende Tonleiter, auch wenn es gefühlsmäßig manchmal in das schrägste Moll abfällt. Ich würde gerne eine neue Tonleiter finden, es ist viel zu schade, alles immer nur in Dur oder Moll zu sehen.

Was kommt als Nächstes?

UNTERKIRCHNER: Mit Ute Gfrerer, einer tollen Sängerin, arbeite ich gerade an einem Konzertprojekt. Und meine tiefen Augenringe heute kommen nicht nur vom WAC-Spiel in Klagenfurt gegen Borussia Dortmund, sondern auch weil ich nachts noch ein Werbevideo für ein Akne-Produkt einer spanischen Firma fertig vertont habe. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Ich unternehme auch hin und wieder Wanderungen mit Manfred Bockelmann, wo dann wieder neue Ideen entstehen. Die Inspiration kommt nicht immer durch Nachdenken, sondern auch oft im Genießen, im Nichtstun, im Gehen. Ich philosophiere wieder zu viel (lacht).

Die Musik für „Zeichnen gegen das Vergessen“ hat, wie Sie in einem Interview sagten, viel von Ihnen abverlangt. Was war so schwierig?

UNTERKIRCHNER: Das Thema neutral von außen zu betrachten, obwohl es einen innerlich erschüttert. Dieser Spagat war eine große Herausforderung. Man muss mit den Gesichtern der Kinder arbeiten und darf sich dennoch nicht zu sehr verlieren. Ich musste mit meiner Musik quasi gegen die Handlung arbeiten, um dem Zuschauer Hoffnung zu geben. Eine weitere Herausforderung war, dass man mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun hat. Und wo viele Menschen sind, da sind auch viele Ideen. Die Lösung war dann für mich, nicht jedem

gefallen zu mĂĽssen. Ich habe Vertrauen in das gelegt, was ich kann und bin meinen Weg gegangen.

Wie aber schafft man es vom Lavanttal aus ein groĂźer Musiker zu werden?

UNTERKIRCHNER: Ich sehe in allen Bereichen bei uns unglaubliches Potenzial, aber es scheitert an der Einstellung der Leute, die oft nicht über die Kor- und Saualpe blicken wollen. Die Menschen trauen sich nichts zu, sie denken, sie können nichts. So wie auch ich mich fragte: Darf ich gewinnen? Darf ich das überhaupt denken? Ich bin ja nur aus Kärnten. Aber das ist falsch. Es ist wesentlich groß zu denken und genug Selbstvertrauen zu haben.

Wovon lebt man als Musiker?

UNTERKIRCHNER: Ich habe vieles probiert: Von Brunner & Brunner bis hin zu Werbejingles und KAC-Fansongs. Man merkt erst dadurch, was für einen passt und was nicht. So wie ich dann wusste, dass ich der Show-Saxophonist mit nacktem Oberkörper einfach nicht bin (lacht). Dazu müsste ich mehr trainieren. Meine Arbeit ist aber auch heute noch komplett bunt: Von Studiojobs über CD-Produktionen bis hin zu Kompositionen und Auftritten. Das Schöne aber ist, man wächst hinein und heute lebe ich mehr und mehr von dem, was ich im Herzen trage.

Sie komponieren vieles selbst. Woher nehmen Sie die Inspiration?

UNTERKIRCHNER: Das ist so unterschiedlich und bunt wie das Leben: Von Begegnungen, aus der Natur, aus dem Widerhall meiner Erlebnisse und wie ich Menschen wahrnehme. Das lässt sich nicht festmachen, passt in keine Schublade.

Wie wichtig sind fĂĽr Sie Noten?

UNTERKIRCHNER: Sie sind nur ein Transportmittel, um etwa Kompositionen festzuhalten. Ein Mittel zum Zweck. Man sollte darauf nicht kleben bleiben, Noten mĂĽssen zum Leben erweckt werden. Ich spiele frei, so oft es geht und dabei, was ich gerade empfinde.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage „Der Seele eine Stimme geben“. Wie schaffen Sie das?

UNTERKIRCHNER: Der Satz kommt nicht von mir, das hat jemand empfunden, als er mir zuhörte. Authentisch sein ist wichtig. Ich nehme mein Instrument in die Hand, mache meine Augen zu, lasse alles fließen und dabei die Seele „spielen“. Man kann mit einem Instrument viel mehr ausdrücken als mit Worten. Ein Instrument erklingt so unterschiedlich, wie der Mensch es ist.

Was soll Musik Ihrer Meinung nach bewirken?

UNTERKIRCHNER: Musik muss echt und authentisch sein. Sie darf aber alles mögliche

bewirken. Jeder hat gewisse Dinge aufzuarbeiten und wenn Musik ein Teil davon sein kann, finde ich das schön. Ich muss kein Zirkusartist sein, manchmal sind es auch die bescheidenen Töne, die viel bewirken.

FĂĽr wen oder was wĂĽrden Sie keinen Ton spielen?

UNTERKIRCHNER: Ich würde selbst für Menschen im Gefängnis oder für Diktatoren spielen, denn ich glaube, dass Musik im Menschen etwas verändern kann. Ich will niemanden ausgrenzen. Ich hab aber eher ein Herz für Schwächere und deshalb verstehe ich beispielsweise nicht, wenn Menschen mit Protesttafeln vor den Augen weinender Flüchlingskinder in Asyllagern herumlaufen. Mit diesem Denken macht man sich nicht immer Freunde, aber vielleicht verändert es was.

 

 

 

 

 

 

Ed Unterkirchner interviewed by Thomas Baker from Global Music Awards

 

As a saxophonist and composer Unterkirchner navigates between different styles and projects. Rooted in the improvised music he builds his own personal style by bridging between musical genres and cultures, people and stories, old and new. His environment characterizes him and has always influenced him. From Carinthia's Lavant Valley he moved outward to learn about other people, the valley, small villages, the Monastery of St. Paul with its kraftdurchdrungenen walls and corridors, then over the mountains beyond the far reaches of the world. Much has this left its mark on him; tracks that now find themselves in his music.

 

Mr. Unterkirchner was kind enough to respond to our request for interview:

 

You are a saxophonist. What other instruments do you play? Describe the emotions created by the various instruments.

 

I play the guitar and the piano, both mainly for composing. I also love to play the clarinet in my own way. In addition, I like playing different kinds of percussion, flutes, whistles, kalimba and so on. I like a very child-like way of playing and trying out instruments I’m not familiar with. For me, it’s like playing in a sandbox. But I definitely focus on the family of saxophones. Each of those instruments, alto, soprano, tenor, baritone, is different to play.

 

Your music seems to be deeply influenced by both rural and urban experiences. Tell us about that.

 

I consider the rural part as my roots, that’s where I come from. This is very much in tune with my love for nature and silence, my general romantic approach towards life. By the way, I love so many romantic composers. But I also enjoy inhaling the atmosphere of a town, the multicultural of different people and styles, art and history.

 

You recently worked with well-known musician James E. Moore. Tell us about Moore and your experiences with him.

 

I have known James’ compositions for years and I liked them very much. Last year I was asked to play at the well-known classical music festival in Lockenhaus, Austria There I had the honor to play with James, which was, for both of us, I may say. a very touching and intense moment of music and life. Maybe there was some kind of congeniality. So I was very happy to be able to play another concert with him last December. He is a very spiritual man and musician, with both his feet on the ground, but highly sensitive. For him, relationship is more important than performance. So, working with him feels very easy and natural. He gave me a lot of encouragement and affirmation for my playing and composing.

 

You have had a number of joint projects with the folk musician and multi-instrumentalist, Hubert Dohr , who is from Carinthia’s Lavant Valley. How does your work with Dohr compare with your work with Moore?

 

I have known Hubert Dohr for many years, we are from the same Valley, the Lavant Valley in Carinthia in the very south of Austria, close to Slovenia and Italy. He is a folk musician, so when playing with him, it is not so much about notes and lead sheets, but I enjoy the down to earth approach of his style. James E. Moore has a lot of classical and musical education and background, but at the same time the ability to forget about theory and notes when he plays. His music and compositions have a lot to do with improvisation and living at and in the moment.

No matter who I am playing with, for me it’s about opening up the mind and ears and just letting it flow. Of course musical diversity helps.

 

We admire your musical diversity. You created the music for Draw Against Forgetting. Tell us about that documentary and what was going through your mind as you composed the music for that film.

 

It started with a visit to the painter and artist Manfred Bockelmann, who showed me his first touching portraits of children who were murdered by the Nazis. He told me, “I want to get these children back out of the darkness.” It was heartbreaking for me to look into the eyes of these innocent children. I felt the desire to support this project. About a year later, producer David Kunac told me about the idea to make a film about Bockelmann’s project and asked me to write the music. The film documents the creation of the series. In powerful pictures, carried by the intensity of the artist’s undertaking, this film bows to the countless children who were murdered by the Nazis, and with distressing stories at the same time reminds us of those who survived and still live with the incomprehensible past today. My first musical layouts were influenced by my inner shock reaction and so the music was a very dark resonance to the portraits. Director Bärbel Jacks helped me understand the aim of the film and so the music started to contain hope.

 

 What are your next projects?

 

A CD project with the wonderful Swedish opera singer Malin Hartelius, together with cello and harp. Some concerts with the wonderful Austrian-born singer Ute Gfrerer, who lives in Boston. A CD project with compositions inspired from Christine Lavant, an awesome sensitive poet (1915-1973) from the Lavant-Valley.

 

If your music is a gift to your fans, what do you must want them to say about that gift?

 

I see my musical talent as a gift from heaven, so I just want to pass it on. If my music finds its way to the hearts of the listeners, well, that is all I can ask for.

 

Unterkirchner studied at the Art University of Graz, concert skilled saxophone classical and IGP focusing Jazz. He also studied at Conservatory Klagenfurt, jazz saxophone with artistic diploma. Both studies were completed with distinction. He has received a number of prizes: Gold Medal from Global Music Awards, Gold World Medal at the New York Festival for film music for Draw Against Forgetting. This interesting artist is a freelance musician and composer.

„Manchmal sind die Töne nur gehaucht, geatmet oder so „eigenartig“ in Schwingung gebracht, dass man meint, die Musik zu fühlen."

Bärbel Jacks, Regisseurin
(zur Zusammenarbeit am Film "Zeichnen gegen das Vergessen")